Wie Tina immer dünner wurde Teil 2~ Ein strickter Plan, eine radikale Umstellung~ Kurzgeschichten zum Thema Mobbing

(Teil 1: https://starlitskythoughts.wordpress.com/2015/12/29/wie-tina-immer-duenner-wurde-teil-1-kurzgeschichte-zum-thema-mobbing/)

Tina nahm den Bleistift in die Hand und sah ihn an. „Ja, was soll ich jetzt schreiben“, dachte sie sich. Sie legte ihn wieder weg und die Kästchen auf ihrem Blatt verschwammen. Sie setzte sich ins Bett und schlang ihre Are um ihre Knie, zog sie an und weinte hemmungslos. Wie soll man sich ändern? Mit was soll man beginnen? Tina hatte überhaupt keine Ahnung und griff zu ihrem Zeichenblock, der stets auf dem Tisch lag. Sie sah ihre Zeichnungen an und blätterte sich durch den Block. Dann nahm sie noch den Schreibblock und den Bleistift und notierte sich folgende Punkte, die ihr an ihren gezeichneten Frauen auffielen und gefielen.

  • dünne Beine
  • schlanke Figur
  • kein Bauch
  • elegant
  • Löwenmähne (Blond)
  • kantiges Gesicht
  • eingefallene Wangen
  • große Augen
  • lange Wimpern

Das war es. Der erste wichtige Schritt war getan. Diese Punkte wollte Tina erreichen und diese Punkte würde sie sich später in ihrem Zeichenblock schön aufschreiben und gestalten. Sie rechnete ihr Idealgewicht aus und notierte sich das. Zum Glück gab es ja eine App, die nur Größe, Gewicht und Alter brauchte um zu wissen, wie viel sie eigentlich wegen sollte- und das war weitaus weniger, als sie es jetzt tat.

10 Kilo müssen weg. 

Mindestens. 

Das nahm Tina sich fürs kommende Jahr vor. Es war nämlich schon Februar und der Frühling, begann sich langsam aber stetig zu melden. Bald würde Sommer werden und dann würde Tina ein anderer Mensch sein. Sie würde größer wirken, schlank und überaus weiblich. Alle dummen Gänse aus ihrer Schulklasse würden ihr erstaunt nachschauen und Kalle würde sie über alles lieben.

magersucht_ein_toedliches_schoenheitsideal@1x.jpg
http://www.srf.ch/sendungen/club/iapp/image/6929329/20/magersucht_ein_toedliches_schoenheitsideal@1x.jpg

Die Ziele waren notiert, das Erreichen dafür, nämlich 10 Kilo weniger, auch. Nun brauchte die junge Frau nur noch ein passendes Trainingsprogramm. Also stellte sie sich einen Tagesplan auf und für den Fall, dass sie sich nicht daran hielt, schrieb sie auf jeder dritten Seite ihres Schulnotizbuches einen wichtigen und triftigen Grund abzunehmen, damit sie schon im Voraus freuen konnte. Mit Freude geht nämlich vieles leichter.

Des weiteren notierte sie sich alles was sie sich an bösen Sprüchen über ihr Gewicht erinnern konnte.

„Fette Kuh“ (ihr Bruder)

„Fetti le fett fett“ (Kinder aus Tinas Umfeld)

„Geh sterben, du grausiger Schwabbel“ (Kalle)

„Du bist eine einzige Schande deiner armen Eltern“ (bissige Schul“freundin“)

„Du isst gerne, oder?“ (Tante Emma)

„Verhungert bist du jedenfalls nie…“ (Oma)

„Ja, an all dem ist wirklich was Wahres dran“, dachte sich Tina. „Ich kann mich nicht immer nur über Kritik aufregen. Irgendwo stimmt es ja“.

Ihr Plan sah folgendes vor:

Frühstück: 

  • keinen Kaffé, nur mehr ungezuckerten Orangensaft
  • keine Scheibe Brot, sondern einen Apfel

Pause

  • keine ungesunde Milchschnitte mehr, sondern einen Apfel

Mittag

  • Vorwiegend Obst, keine Nachspeisen
  • nur mehr Wasser, keine Säfte
  • ein Teller. Nicht mehr

Nachmittag

  • 20 Minuten Laufen, aber im Wald
  • kein Fernseh, kein Internet
  • Sonstiger Sport

Abend

  • Schminktipps aus Youtube nachmachen, nicht Zeichnen!
  • Lernen (2 Stunden), denn Lernen fördert Disziplin
  • Kein Fernsehen.

Wochendende

  • 1 Stunde Fernsehen
  • keine Süßigkeiten
  • Sport
  • Lernen
  • Fashion

Der Plan sah brutal aus, aber Tina kritzelte überall Gründe hin, die wirklich gut waren- oder schienen. Beflügelt von ihrem neuen Vorhaben, endlich ein ansehnlicher Mensch zu werden, keine Schande zu sein und vielleicht bei Kalle zu landen, ging sie zu Bett. wie tina immer dünner wurde, hausaufgaben

„Mein Leben wird sich ändern. Von Grund auf“, dachte sie glücklich.

Ja, ihr Leben änderte sich. Von Grund auf. Es wurde schlimmer

Weiter zu Teil 3

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