Gedanken zur sog. Lügenpresse: „Seid froh, dass ihr sie habt!“

Es fällt mir immer stärker auf, wie verschiedenste Medien nicht mehr kritisiert, sondern je nach Lust und Laune beleidigt werden, wie der Beruf der JournalistInnen und FotografInnen immer mehr an Achtung verliert und wie in sozialen Foren herum getrollt wird was das Zeug hält- von Menschen die wirklich 0,0% Ahnung haben wovon die Texte handeln und von den Hintergrundinformationen dazu sowieso nie was gehört haben. Renomierte Zeitungen wie „Der Spiegel“, „taz. die tageszeitung“, „Die Zeit“ oder auch „SZ“ können fast keinen Artikel mehr auf sozialen Netzwerken wie Facebook posten ohne irgendwie angefeindet zu werden- besonders wenn es um ReporterInnen geht.

„Lügenpresse“ ist dabei das Lieblingswort der KommentatorInnen, die sowieso alles ablehnen und alles als unwahr abstempeln, was die Medien bringen.

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Über den Online SPON Beitrag Hasnain Kazim
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Über den Online SPON Beitrag Hasnain Kazim

Dass bei mir jetzt das Fass übergelaufen ist, hat mit einigen Kommentaren auf „Bento“ zum Artikel über die Fotojournalistin Nicole Tung, die vorwiegend in Krisengebieten arbeitet, zu tun (über Nicole Tung darf ich übrigens im Mai noch ausführlicher berichten). Einer wurde inzwischen gelöscht und da man leider nicht mehr kommentieren kann, was mich nicht weiter verwundert, gebe ich hier meine Antworten dazu, auch weil ich schon seit meiner Jugend im Bereich des Kriegsjournalismus‘ arbeiten möchte und weil mich die Kommentare daher nicht kalt gelassen haben.

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Nummer 1. Bento

 Alleine schon der erste Absatz ist beschämend, denn auch wenn es überall Menschen gibt, die aus egoistischen Gründen sich so verhalten wie im Kommentar vorgeworfen wird, ist dies bei Weitem nicht die Regel. Fast alle ReporterInnen wollen hinweisen. Sie wollen der Welt Dinge, Situationen, Menschen und Tiere zeigen, die ohne sie verborgen geblieben wären. Von Luft und Liebe kann aber kein Mensch leben- auch nicht ein Reporter. Vorzuwerfen, dass die Bilder „inszeniert und damit reine Lüge“ sind, ist eine Unverschämtheit der Fotografin gegenüber. Wer sich die Fotos von den Studentenprotesten in Hong Kong ansieht, wird schnell bemerken, dass die Fotos ziemlich realistisch sind und wer bei normalen Protesten teilgenommen hat, wird wissen, dass Proteste immer geladen sind, auch wenn sie im Großen noch so friedvoll verlaufen. 

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Nummer 2. Bento

„Wenn etwas passiert“, ist erstens nicht gleich auf Verletzte bezogen und zweitens ist es ein ziemlich großer Unterschied, wenn eine Reporterin mitten in Deutschland einen Verletzten fotografiert, wo es meistens absolut keinen Sinn ergibt oder in Kriegsgebieten wo es essentiell wichtig ist zu dokumentieren. Ich möchte hierbei noch anführen, dass die Fotografin selbst rät, als aller Erstes eine (oder gerne mehrere) „Erste Hilfe“ Ausbildung zu absolvieren, bevor man ihrer Tätigkeit nachgeht. Nur, weil sie Verletzte fotografieren, heißt das noch lange nicht, dass KriegsreporterInnen nicht bei der Erstversorgung maßgeblich beteiligt sind. 

Es geht meines Erachtens schon lange nicht mehr darum, sich kritisch mit der Presse und den JournalistInnen auseinander zusetzen, sondern sie wahllos zu attackieren- sowie es die großen Vorbilder machen. Wer nichts zu tun hatte den ganzen Tag, der/ die hat jetzt etwas um sich aufzuregen und sich wichtig zu fühlen, ohne genau zu wissen warum. Gleichschaltung war schon immer schön und einfach.

Natürlich gibt es Manipulation seitens einiger JournalistInnen und Medien und natürlich ist das schlimm und das bestreitet auch niemand, aber es ist leicht dann zu verallgemeinern nur weil man mit sich selbst frustriert ist und eine gänzlich objektive Berichterstattung gibt es leider sowieso nicht, weil auch hinter den professionellsten Medien, Menschen stehen. Und Menschen fühlen und denken nun mal.

Aber die verbalen Attacken auf die Presse sind leider nicht nur bei den „normalen“ BürgerInnen Europas salonfähig geworden sondern auch bei der Elite. Das jüngste Beispiel in Deutschland.

Frauke Petry (Afd Politikerin) hätte sich mit Dunja Hayali (ZDF- Journalistin) für ein Interview treffen sollen. Zu dem kam es aber nie. Zwei mal ist die Afd Politikerin nicht erschienen und zwei mal davon mit ziemlich schrägen Erklärungen. Am Montag, so Petry, habe sie den Termin vergessen, am Dienstag, war ein angeblicher Hacker- Angriff schuld, auch wenn die Gäste vom ZDF telefonisch angefragt werden und am Mittwoch, lehnte sie öffentlich das Interview mit Hayali ab und beschuldigte sie eine „Politaktivistin“ zu sein, die Berufliches und Privates nicht trennen könne, da die sich bei verschiedenen Vereinen, wie z.B. „Gesicht zeigen“ und „Respekt! Kein Platz für Rassismus“ engagiert. Dunja Hayali, ist jedoch eine sehr bekannte und mit einer „goldenen Kamera“ ausgezeichnete Journalistin. Viele Kommentatoren in den sozialen Netzwerken vermuteten, dass sich Petry außer Stande sah, von Hayali interviewt zu werden und dabei eine gute Figur zu machen. Auf die Botschaft des ZDFs, dass Petry, weiterhin eingeladen werden würde, teilte sie mit, dass ihr Interesse gering sei, wenn Hayali dabei wäre und dass der ZDF frischen Wind bräuchte. Noch dazu erklärte sie, dass sie als Mutter sich gut überlegen müsste, welche TV- Termine wichtiger sind als familiäre Aufgaben. Das mag schon sein, aber anstatt abzusagen, verdreht sie die Tatsachen  um Hayali als Journalistin und als Mensch anzugreifen, denn auch wenn sie gehackt wurde, so hat sie die Einladungen alle per SMS oder Telefonat bekommen.

„Sie können sich vorstellen, dass ich mir als Mutter von 4 Kindern, die morgens zwischen 6 und 7 Uhr nicht nur ein gemeinsames Frühstück, gefüllte Pausendosen, sondern vor allem ein bisschen Familienleben gewährleisten möchte, gut überlege, welche TV-Termine wichtiger als diese familiäre Aufgabe sind. […] Danke, dass Sie mir mit Ihrem Verhalten der letzten Tage diese Entscheidung nun so leicht machen“ Frauke Petry

Kürzlich führte Tim Sebastian (auf Englisch) ein Interview mit Frau Petry, indem sie sich fast in die Haare gekommen wären. Während sie Sebastian dazu bewegen wollte, etwas Anders zu fragen, entgegnete er, dass er fragt was er will- schließlich ist dass das, was eine freie Presse tut. Dabei bleibt es nicht und das gesamte Interview verläuft unterkühlt, indem Petry pausenlos lacht und den Eindruck erweckt, Sebastian umbringen zu wollen. Immer wieder stellt sie ihm Gegenfragen, weil sie sich persönlich angegriffen fühlt und es erweckt den Anschein, dass sie die Journalistin ist und er der Politiker. Sie regt sich sichtlich über die Fragen auf, die sowohl die Afd, als auch das gesprochene Wort, innerhalb der Partei und bezüglich der Partei betreffen. Nach dem Interview steht sie auf und geht einfach, ohne sich zu verabschieden.

Während in Ländern wie der Türkei, JournalistInnen an ihre Grenzen gehen müssen um uns unsere täglichen News bescheren zu können und wir entsetzt über deren Unterdrückung dort sind, versuchen in Europa immer mehr Leute soweit es geht, den Wind von 1933 wieder herbei zu holen. Das Wort „Lügenpresse“, übrigens stolzer Gewinner des „Unwortes 2014“, ist ein altes Wort, das es schon vor 1933 gab- aber dort seine Blütezeit hatte.

Nun kann ich nur eines dazu sagen:

 

Seid froh, dass ihr die sogenannte „Lügenpresse“ habt!

Seid froh, dass ihr den demokratischen Luxus habt, euch über die „Lügenpresse“ zu echauffieren, denn diesen Luxus, diesen  fundamentalen Pfeiler der Demokratie, haben nicht viele Menschen!

Das recht auf „Meinungsfreiheit“, ein Menschenrecht wird durch dem Medienpluralismus gestärkt. Menschen können von allen möglichen Zeitungen und Seiten, Blogs und Webseiten Informationen lesen und sich ihre Meinung bilden.

Und für dieses Recht, wurde immens viel Blut vergossen.

Mir kommt vor, dass systematisch versucht wird Medien und JournalistInnen zu unterdrücken und zum Schweigen zu bringen und das in der EU. Bei Pegida Demonstrationen, laufen ganz vorne Menschen mit riesigen Bannern mit auf denen das Wort „Lügenpresse“ groß und deutlich steht- wenn sie dann erklären sollen warum, dann geben sie keine Antwort. Selbst aber, neigen PEGIDA, Afd udg. gerne dazu die Wahrheit zusammen zuschneiden und zu verdrehen.

Ich bin keine Journalistin, nein, aber ich bin eine Studentin, die mit großer Besorgnis beobachtet, wie sich die Aggressionen gegen die Presse, geschürt von solchen Parteien, immer stärker entladen. Wie tiefer die Hemmschwelle sinkt in der Kommunikationsform und wie kälter und gleichgültiger die Menschen werden, solange es ihnen selbst gut geht und wie ignorant- sadistisch manche Menschen sich verhalten.

Journalismus gehört zum wichtigsten Faktor für eine demokratische Welt und er wird gerade mutwillig und zerstörerisch mit Füßen getreten und nicht ernsthaft kritisiert. Journalismus ist sicher eine Arbeit mit einem fragilen Fragment. Die meisten JournalistInnen die ich kenne, führen diesen Beruf aus Überzeugung aus- und nicht um des Staaten Propaganda Willen. Es ist sehr einfach Medien, ReporterInnen und die Presse im Allgemeinen zu beeinflussen, weil sie Informationen weitergeben müssen. Aber das gesamte Konzept der Demokratie ist fragil, wie jüngst die Beispiele Polen und Ungarn zeigen und wer seine verletzliche Demokratie nicht schützt, der darf sich danach nicht beschweren. Und hier sind wir beim springenden Punkt: Medien, Medienpluralismus, Mediendemokratie sind Wörter, die zum Schutz einer Demokratie beitragen.

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7 Gedanken zu “Gedanken zur sog. Lügenpresse: „Seid froh, dass ihr sie habt!“

  1. Vielen, vielen Dank für diesen interessanten Artikel. Auch ich kann hier nur zustimmen.
    Momentan frage ich mich nur, ob Frauke Petry nicht doch von Zweifeln geplagt wird , ob sie nicht doch besser zu Dunja Hayali gegangen wäre, als zu Tim Sebastian…. 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo liebe Beate!
      Da hast du wirklich recht und ich werde, jetzt wo du mich daran erinnerst, das Video von Tim Sebastian noch hinzufügen zum Artikel.
      Ich weiß, dass sie dort einige gute und nachvollziehbare Antworten hatte, aber im Grunde weicht sie wirklich fast jeder kritischen Frage aus und regt sich auf, wenn die Presse kritisch fragt und das ist nicht sehr vorteilhaft für die gute Frau.
      Kritische Fragen sind einfach normal und als PolitikerIn sollte man damit lernen umzugehen- besonders wenn es ein so wichtiges und mächtiges Land wie Deutschland betrifft. Ich danke dir für deinen netten und Kommi und wünsche dir alles Liebe und frohe Ostern! und ein schönes Osterhasl 😉

      Gefällt 1 Person

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