Auf der Stiege die Ethik vergessen

Neulich gab es einen Vorfall, der hat mich im Nachhinein an meine eigene Ethik und Moral zweifeln lassen. Ich selbst sehe mich eigentlich als durchschnittlicher Mensch, nicht schlecht, aber auch nicht heilig- allerdings hat mich diese Situation sehr zum Nachdenken angeregt. 

Ich selbst war letzten Sommer viel am Bahnhof unserer Landeshauptstadt und habe die ankommenden Flüchtlinge zusammen mit vielen anderen Menschen betreut. Essen gegeben, ein Wörtchen geredet, zugehört oder einfach nur daneben gesessen. Ich war schon sehr froh, dass ich mich nützlich machen konnte, mein Leben war davor ein bisschen von einem nicht weiter wissen geprägt, hatte keinen Plan was ich mit meinem Leben anfangen sollte oder wollte und war ziemlich abgenervt von so ziemlich alles.

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Pixabay/ Hans CC0

Schreiben? Das wollte ich nicht.

Auch wenn das die Tätigkeit ist, die ich liebe und schon seit jeher mache, wollte ich das aus privaten Gründen nicht machen. Über den Sommer 2015 bin ich endlich weiter gekommen. Ausbildung, Tätigkeit, Kontakte und Freundschaften. All das hat mir während dieser Zeit geschenkt und alles ging von der Hilfe am Bahnhof aus.

Nun, jetzt da der Winter vorbei ist, kommen wieder Geflüchtete. Jeden Tag ein paar. Aber ich studiere jetzt, schreibe für zwei Zeitungen und diesen Blog hier und habe ziemlich viel zu lernen, also bin ich nicht mehr so ganz bei der Sache wie letzten Sommer.

Als ich die letzten Tage dann von einem langen Tag an der Universität am Bahnhof ausstieg, musste ich in die Stadt gehen und bin die Stiegen runter gehetzt. Ich war im Stress, wie so viele andere Menschen und habe fast einen jungen Mann überrannt der auf der Stiege saß.

Wer sitzt denn auch bitte auf einer Stiege die vom Gleis 6 in die Unterführung runterführt? Dort ist es kalt, schmutzig und nass.

Zwei Sekunden später war ich unten, drehte mich um und sah mich um. Zwei junge Männer saßen hintereinander auf den Treppen. Ich glaube, dass zwei oder drei Stufen dazwischen waren. Sie saßen einfach da, die Köpfe an die Wand gelegt, die so schmutzig ist, dass ich nie anging und über ihr Gesicht rannten Tränen. Sie weinten nicht laut, sie weinte leise und das war furchtbar. Mein Herz zog sich zusammen und ich kniff die Lippen zusammen. Dann fiel mir ein, dass mein Bus bald startete.

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Pixabay/ Leroy_Skalstad CC0

Und ich ging einfach.

Ich ging einfach ohne zu die jungen Männer, die sicher nicht älter als 17 waren hinzugehen und sie anzusprechen. Ohne ihnen Wasser oder eine Auskunft anzubieten. Am Gleis oben waren, ich weiß nicht wie viele Polizisten und NIEMAND kam und half ihnen. Und ich auch nicht.

Das war eine der traurigsten Situationen in die ich je geriet und meine Reaktion war einfach scheiße. Ich würde das so gerne ungeschehen machen, sie spuken mir dauernd im Kopf herum. Aber ich tat es nicht und fühle mich elend.

Für die beiden jungen Männer hoffe ich das Beste, dass sie im Leben glücklich werden, sich eine Perspektive und ein Leben aufbauen können und dass sie Leute finden, die ihnen beim nächsten Mal helfen, anstatt weiter zuhetzen, wie ich es tat.

Beitragsbild: Pixabay/ Unsplash CC0

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