Ein Land das nicht reden will

(Der ganze Blogbeitrag kann Spuren von Verbitterung und Sarkasmus enthalten, die endlich mal raus müssen. Wer in absolut kritikloser und pathologisch patriotischen Liebe für den Nabel der Welt aufgeht, der oder die möge bitte nicht mehr weiter lesen. Nicht alle haben diese Mentalität, aber viele. Südtirols Landschaft ist dennoch top!)

Die Geschmacklosigkeit einer Aussage und Ausrede

Nicht lange ist es her, dass eine Nachricht meine Startseite auf Facebook flutete.

Sophia Thomalla, deutsche Schauspielerin überzeugte das Netz davon, dass sie an Geschmacklosigkeit nicht mehr zu übertreffen ist, um in die Medien zu kommen. Das hat sie nun geschafft.

Auf ihrer Facebookseite postete sie Anfang Oktober 2016 folgenden Vergleich, der inzwischen unauffindbar geworden ist:

„Kleine Titten sind wie Flüchtlinge: Sie sind nun mal da, aber eigentlich will man sie nicht“ (Sophia Thomalla)

Neben einer Flut von neuen, applaudierenden Followern und einem Shitstorm empörter User, schaffte es die junge und Schauspielerin in fast alle wichtigen und anerkannten Medien. Noch geschmackloser als der Vergleich, war die spätere Ausrede, dass der Vergleich ein „Experiment“ gewesen sei- diese Ausrede glaubten ihr viele Fans aufs Wort und reagierten ziemlich emotional, wenn jemand Thomallas Statement dazu in Frage stellte.

Und das, obwohl Thomalla bekannt für ihre mitunter ziemlich komischen Aussagen ist. So bevorzugt sie z.B. Trump weil ihr ein Mann lieber ist, als eine Oma. Dabei vergas das Playboy Model offenbar, dass Trum älter als Clinton ist. (Welt)

(„Die USA sind wie ich- n richtiger Kerl ist am Ende besser als ne Omma, die man pflegen muss.#TeamTrump“)

 

Der Nerv der Gesellschaft im Ländchen

Thomalla hat allerdings eines geschafft: Sie hat den Nerv der Gesellschaft mit dieser Aussage getroffen.

„Sie sind zwar da, aber eigentlich will man sie nicht“

Die Flüchtlingsdebatte verfolge ich sehr stark, leider bestätigt sich diese Aussage für mich, wenn ich den allgemeinen Tenor höre. Ich sehe beim Großteil der Südtiroler Bevölkerung keinen Willen, Flüchtlinge überhaupt kennen zu lernen und ich sehe auch keinen Willen, diesen Menschen fünf Minuten zuzuhören. Bei uns in der Hauptstadt organisieren die freiwilligen Helfer*innen sehr viel für Flüchtlinge und für die Bevölkerung aber es interessieren sich immer nur dieselben dafür.

Immer wieder mache ich die Erfahrung, dass wenn jemand in bei uns in eine Flüchtlingsunterkunft geht, dass sich die Menschen dort sofort an die Person haften. Es ist manchmal sehr schwer neue Kontakte zu knüpfen und sie freuen sich über jeden der etwas offen ist. Aber anstatt die neuen Mitmenschen kennen zu lernen, trifft man sich bei uns lieber in der Bar und schreit lauthals seine Meinung über dieses „Pack“ raus- ob man je mit einem Flüchtling geredet hat ist nicht wichtig.

In Südtirol sind Fakten und Realität überbewertet, wichtig ist der Volkstenor und der ist völkisch.

Ein Schreien und Jammern geht durch das Land, obwohl zu jammern hat der Süd-Tiroler immer. Es gibt wahrscheinlich kein Volk, dass besser darin ist, sich zum Opfer zu stilisieren als das kleine Alpenvolk. Die Hilfe, die es von der Internationalen Bühne und von nicht arischen Menschen vor Jahren bekam, ist vergessen- oder wurde offenbar gar nie bemerkt. Wichtig ist, dass man jammern kann.

Die Mentalität ist Folgende, wenn es um sich und ihrer Wichtigkeit geht. Südtirol ist offenbar der Nabel der Welt, das einzige Land, dem es schlecht geht (weil es nur Autonomie hat und nicht mehr zum heiligen Vaterland Österreich gehört) und das wichtigste Land der Welt- sonst würde unser Landeshauptmann nicht mehr als Merkel verdienen.

Am Sonntag aber, wird in die Kirche gerannt, in der scheinheilig die eingeflößte Nächstenliebe aufgenommen und beim nächsten Bettler mit einem „gea orbetn!“ ausgekotzt wird. Wir sind alle Christen, die Heiligkeit gehört uns ja. Schlimm benehmen sich nur die Muslime und was halt noch von uns abweicht.

Waren es am Anfang die Italiener, die die Südtiroler (auch gerechtfertigt) zur Verzweiflung trieben und immer wieder treiben, wurden sie von den „Albanern“ vertrieben („Albaner“ war bis vor Kurzem der Begriff für alles in Südtirol, dass in einer Schlägerei verwickelt war; Merke: Südtiroler schlagen sich nie und nimmer! Niemals!). Die Albaner wurden dann endlich von den „Ausländern“ abgelöst und die wiederum von den Flüchtlingen, die aus Syrien kommen, wo es eigentlich nicht „so schlimm ist“ und welches sich in Afrika befindet.

Noch Fragen?

Denn das ist bei uns in weiten Teilen die Basis der Diskussionen.

Nur nicht offen reden

Südtirol geht alle Probleme auf dieselbe Weise an. Nicht darüber offen reden, sondern die Gespräche als Monolog auf das Wirtshaus verlegen und bitte nie, niemals, niemals, nimmer das Land kritisieren. Schuld sind immer die Anderen. Der Staat, weil er Italien heißt, die Ausländer die ganze Arbeit wegnehmen oder nicht arbeiten, die Flüchtlinge, die man eigentlich nicht will weil die eh alle kriminell und muslimisch und Vergewaltiger und Männer sind.

In Südtirol wird über Probleme geredet, das schon. Aber hinter dem Rücken und ohne Interesse für Fakten oder Daten. Von offiziellen Seiten ist immer alles „unter Kontrolle“ und „in bester Ordnung“. Es gibt absolut keine Probleme- außer, dass geflüchtete Kinder und Frauen nicht mal mehr auf die Stiegen des Bahnhofs schlafen dürfen, weil das offenbar störend ist. Und es gibt auch genug Strukturen- daher schlafen auch so viele auf der Straße oder im Bahnhof.

Es wird immer kälter, das Wetter, die Jahreszeit und die Mentalität dieses Landes.

 

Simon /Pixabay CC0

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