Wir sind alle heilig

Es ist fünf Uhr Nachmittags des heiligen Abends und schon dunkel. Draußen ist es bitterkalt und wir richten uns für die Messe her, die heuer früher stattfindet als letzes Jahr. Damit die Erwachsenen von der Christmette verschont bleiben und die Kinder von der Nachmittagsmesse (Bethlehemlicht), hat sich unser Dekan dies einfallen lassen, damit alle Dorfbewohner kommen können.

Die Kirche ist auch tatsächlich überfüllt (zumindest einmal im Jahr) und mein Bruder, mein Vater und ich müssen in den Seitenflügeln stehen bleiben, weil es so eng ist. Meine Mutter hat es geschafft. Sie sitzt. Sie schafft es immer zu Weihnachten einen Sitzplatz zu bekommen, wie sie das macht, das weiß wohl nur das Christkindl selbst.

Während dessen beginne ich unsere Dorfgemeinschaft in der Kirche zu beobachten (wie es wahrscheinlich mehrere aus unserem Dorf tun) und stelle einige Dinge fest.

  1. Heimliches Geplauder der Ministranten bekommt man doch mit (ich dachte, das als Ministrantin nicht…)
  2. Fehler auch (und sie sind ziemlich lustig, auch für die Ministranten selbst)
  3. Der Kirchenchor singt auch mal „Stille Nacht“ und „Ihr Kinderlein kommet“ komplett falsch (Tonhöhe, Reihenfolge der Strophen, usw.)
  4. Niemanden fällt dies auf
  5. Mindestens ein Handy hat die Predigt aufgeheitert (Leider war der Klingelton nicht „Mambo Nr. 5)
  6. Die „Look at me!“ Leute sitzen in der ersten Reihe (und wenn sie könnten, auf dem Altar)
  7. Die Blicke der eigentlichen Kirchenboycotttierer, die nur unter Mamas Zwang hier sind, können Bände sprechen
  8. Der Dekan lebt noch im Mittelalter
  9. Die Heiligen unseres Dorfes bekommen zu Weihnachten fast schon einen halluzinierten Heiligenschein und Redbullflügel (Heilige vertragen offenbar keine Vorfeiern)
  10. Irgendwie ist die Messe doch ziemlich unterhaltsam
  11. Ich muss gestarrt haben wie eine Psychopathin

Man muss wissen, dass unser Dorf aus zwei Teilen besteht. Die Heiligen und der Rest. Während die Heiligen wirklich keine Gelegenheit ungenutzt lassen um Gott ihre Ehrerbietung zu zeigen und dabei seine Aufgabe, mit dem Finger auf Sünder zu zeigen, gerne lauthals übernehmen, kommt der Rest nur am 24. Dezember in die Kirche. Wenn überhaupt. Und wenn sie kommen, dann gibt es die nicht- Freiwilligen, eigentlichen Kirchenboycotttierer, die nur mit einem Fuß reinkommen und die „Look at me!“ Leute, die am liebsten auf dem Altar sitzen würden, damit sie jeder sehen kann. Diese Leute sitzen dann immer ganz vorne, erste Reihe, und blättern fleißig im Gebetsbuch herum, obwohl sie doch nicht singen. Leider sind Instaselfies nicht erlaubt, aber wenn es dann mal soweit ist (mit Franziskus weiß man ja nie), dann würde ich als Hasthtag #I_church vorschlagen. Das klingt ziemlich gut! Kurz, prägnant, Apple- ähnlich, In.

Und dann gibt es die spöttischen, Ex- Ministranten, die sich so oft fragen, warum sie über zehn Jahre lang ministriert haben. Sie stehen irgendwo im Dunkeln im Seitenflügel der Kirche und beobachten die Leute, wie sie (schein)heilig und betreten, die Kirchenbänke anstarren oder sich unterhalten.

Am Ende der Messe weiß niemand mehr um was es gegangen ist- außer die Heiligen, wenn sie nicht vom Tropfen Glühwein von der Vorfeier betrunken sind.

(Beitragsbild: Beeki /Pixabay)

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